„Wir irrten wie Geister durch die Klinikflure!“
Wenn der Start ins Leben Angst macht – und was Familien dann wirklich brauchen
 

Eigentlich sollte die Geburt von Anni ein ruhiges Kapitel werden. Ein paar letzte Routinekontrollen, wachsende Vorfreude, ein gesundes Baby und Geschwisterchen für Hannah und Till im Arm. Doch für ihre Eltern begann alles anders: Schon während der Schwangerschaft war Anni auffällig klein und zart. Viele Untersuchungen, viele Wege, viele Unsicherheiten. Keine klare Antwort, aber trotzdem dieses Urvertrauen: „Es wird schon alles gut sein.“ So berichtet es Sarah Dopheide, Mama von Anni. 

Als die Herzfrequenz im CTG mehrfach abfiel, gab es kein Zurück mehr. Klinik. Einleitung. Warten. Hoffen. Am Ende kam Anni schnell auf die Welt. Zwei Wochen vor Termin, 2,7 Kilo leicht, aber stabil. Ein kleiner Sieg nach Tagen voller Fragezeichen. 

Doch bevor die junge Familie nach Hause durfte, hörte der diensthabende Kinderarzt ein leises Herzgeräusch. Ein Satz, der Eltern eiskalt trifft. Im Echo zeigte sich schließlich ein Ventrikelseptumdefekt. Ein Loch im Herzen. Die Familie wurde entlassen, aber fortan begleitet von engmaschigen Kontrollen, Warnzeichen und der Sorge, den Zustand des Kindes nicht rechtzeitig zu erkennen. „Die Angst war Tag und Nacht ein stetiger Begleiter, und das macht einen so müde. Unfassbar müde“, berichten die Eltern. 

Als Anni mit viereinhalb Monaten plötzlich röchelte, dachten die Eltern an einen harmlosen Infekt. Zwei ältere Kita-Kinder zuhause, normaler Alltag, normaler Schnupfen. Doch der Arzt hörte sofort Lungengeräusche: Herzinsuffizienz. Ab da ging alles schnell. Aufnahme im UKM Münster. Medikamente. Überwachung. 

Die Diagnose Herzinsuffizienz war schon schlimm genug, aber das eigentliche Aufklärungsgespräch für die bevorstehende Operation stellte alles in den Schatten. Die Ärztinnen erklärten ruhig und professionell, was getan werden musste. Doch unausweichlich kam auch der Punkt, den keine Eltern hören wollen: die Möglichkeit, dass Anni die Operation nicht überstehen könnte.

In diesem Moment wurde aus medizinischer Information ein emotionaler Ausnahmezustand. Die Eltern sollten stark sein, wach bleiben, Entscheidungen treffen, die ein Leben betreffen, und gleichzeitig war da diese lähmende Angst. Als Anni schließlich in den OP geschoben wurde, begann für die Eltern eine Zeit, die man nur als Warteschleife zwischen Hoffen und Erstarren beschreiben kann. Sie irrten wie zwei Geister über die Klinikflure. Nicht sprechen, nicht sitzen, nicht stillstehen. Sie studierten jeden Ausgang. Sie betrachteten jedes Bild an den Wänden, als könnte es ihnen Halt geben oder eine versteckte Antwort liefern. Alles diente nur einem Zweck: die Minuten zu überleben, ohne zusammenzubrechen. 

Die Stille in dieser Zeit war laut. Und jedes klingelnde Telefon ließ das Herz kurz stoppen. Bis irgendwann einer dieser Anrufe endlich kam. Die Stimme am anderen Ende sagte, dass die Operation gut verlaufen sei. In diesem Moment fiel alles ab: die Starre, die Angst, die Sekunden, die sich wie Stunden angefühlt hatten. Aus den Geistern wurden wieder Annis Eltern, die atmen. 

Aber die Tage auf der Kinderintensivstation waren für die Eltern eine Belastungsgrenze. Anni ließ sich nicht ablegen, weinte ununterbrochen, suchte jede Sekunde Nähe. Die Mutter saß 24 Stunden mit ihr auf dem Arm, ohne Pause, ohne Essen, ohne Schlaf. Das ist Elternsein unter Extrembedingungen: Man funktioniert, weil man keine Wahl hat. 

Nach eineinhalb Wochen durften sie nach Hause. Körperlich erschöpft, emotional leer, organisatorisch überfordert. Sechs Medikamente am Tag, Physiotherapie, Arzttermine, ein weiteres chronisch krankes Kind, Haushalt, Alltag, Leben. Und die Frage: Wie soll das gehen? 

Genau hier beginnt die Arbeit des Bunten Kreis Münsterland. Mit Menschen wie Sandra Wewelkamp – Kinderkrankenschwester, Nachsorgemitarbeiterin, Anker in einem Meer aus Formularen, Fachbegriffen und Sorgen. Sie half Familie Dopheide, Arztberichte zu verstehen, Symptome einzuordnen, Gefahren früh zu erkennen. Sie beantragte gemeinsam mit ihnen den Pflegegrad, bereitete auf den Termin mit dem Medizinischen Dienst vor, begleitete bei Unsicherheiten, verschaffte Entlastung. Und sie war einfach da. Verlässlich. Menschlich. Kompetent. 

Die Familie sagt heute: „Wir hätten vieles irgendwie geschafft. Aber mit welchem Preis? Und wie lange?“ Und: „Wir wünschen, dass mehr Eltern diese Unterstützung bekommen – sie macht den Unterschied zwischen Überleben und Durchatmen.“ 

Der Bunte Kreis Münsterland begleitet jedes Jahr zahlreiche Familien, deren Kinder zu früh, zu krank oder zu zerbrechlich ins Leben starten. Was oft fehlt: Wissen. Zeit. Kraft. Und finanzielle Mittel.  Gerade jetzt zur Weihnachtszeit hoffen wir auf Menschen, die Familien wie dieser eines ermöglichen: ein bisschen weniger Sorge, ein bisschen mehr Stabilität und die Chance, wieder in einen Alltag zu finden, der nicht täglich am Limit kratzt. 

Mutter meistert auch dank des Bunten Kreises den Start mit frühgeborenen Drillingen

Belastung im Dreierpack

Quelle: Allgemeine Zeitung Coesfeld/Alexander Bitting vom 21.11.2025
 

Heek. Wie viel kann eine Mutter leisten? Diese Frage stellt sich, wenn man sich mit der Geschichte von Familie Sadat Sharifi aus Heek beschäftigt.

Mutter Zahra Nakhaee Rad ist schwanger – mit Drillingen. „Doch eine Schwangerschaft mit Drillingen ist oft von vornherein mit mehr Komplikationen behaftet“, informiert Christine „Kiki“ Schulze Bröring vom Bunten Kreis Münsterland. Und so kommt es leider auch bei den drei Mädchen Nelin, Eva und Lia: Speziell Nelin leidet zum Ende der Schwangerschaft unter einer Mangelversorgung. „So mussten wir in der 26. Woche einen Kaiserschnitt machen lassen“, sagt Mutter Zahra. Ein sehr früher Zeitpunkt, selbst für Frühchen.

Die kleinen Mädchen wiegen bei ihrer Geburt am 5. Februar dieses Jahres im Franziskus Hospital Münster nur zwischen 800 und 900 Gramm. Alle drei müssen aufgrund einer schweren Atemnot beatmet werden, die Organe sind noch unreif, hinzu kommt eine Schädigung der Netzhaut, wie sie bei Frühchen oft auftritt. Besonders Nelin hatte noch schwierigere Startbedingungen. „Sie bekam einen Darmverschluss und musste deshalb einen künstlichen Ausgang, ein sogenanntes Stoma, gelegt bekommen“, berichtet Schulze Bröring. Aus diesem Grund musste Nelin auch länger im Krankenhaus bleiben als ihre Schwestern Eva und Lia, die Mitte April nach Hause konnten. Es begann eine extrem herausfordernde Zeit, da sich ein Kind im Krankenhaus und zwei Kinder zu Hause befanden. „Da entstand ein totaler Spagat“, spricht Schulze Bröring für die Familie. „Die Eltern haben versucht, viel im Krankenhaus zu sein, aber die Versorgung zu Hause muss auch laufen.“
Ein Kernproblem: Weder die Mutter noch der damals noch im Haushalt lebende Vater der Kinder waren mobil – Führerschein und Auto waren nicht vorhanden. Die Distanz von Heek nach Münster erschwerte dies zusätzlich. Die Eltern waren auf Busse, Taxen oder den Fahrdienst des Bunten Kreises Münsterland angewiesen. Nach langen vier Wochen konnte auch endlich Tochter Nelin nach Hause.
Der Bunte Kreis in Person von „Kiki“ Schulze Bröring kam von Beginn an zur Familie nach Hause und konnte bereits vieles in die Wege leiten, als Eva und Lia zu Hause waren. Doch von ruhigen Fahrgewässern war noch lange keine Rede. „Frühgeborene Drillinge sind eine richtig große Herausforderung“, betont Schulze Bröring. Medizinisch und therapeutisch seien unglaublich viele Folgetermine notwendig.
Dazu kam eine sehr herausfordernde Wohnsituation. Die ganze Familie – Mama, Papa und vier Kinder – musste in einem Schlafzimmer schlafen. „Die ersten Wochen war nachts immer mindestens einer wach“, spricht die Nachsorgemitarbeiterin über die extrem anstrengende Zeit.
Nelin musste zunächst einmal zu Hause ankommen und war noch sehr unruhig, zumal sie im Krankenhaus mehrere Wochen nicht ihre Schwestern an ihrer Seite hatte. Auch der große Bruder Ryan (3) musste die neue Situation verarbeiten. „Er braucht auch viel Aufmerksamkeit. Geschwister müssen das alles erstmal verpacken“, sagt die Mutter, die aufgrund des Schlafmangels im Sommer oft sehr müde war. Im Sommer trennten sich die Eltern auch noch, und die Mutter war seitdem alleinerziehend.
Doch durch die Arbeit des Bunten Kreises und den Umzug in eine geräumigere Wohnung erschien Licht am Ende des Tunnels. Der Bunte Kreis half dabei, ein riesiges Hilfsnetzwerk zu spannen. Die Kinder bekommen zu Hause Physiotherapie, eine Familienkrankenschwester von der „Morgensonne“ Ahaus half regelmäßig, dazu noch eine Hebamme.
Die Fahrten zu vielen Terminen in Münster, Coesfeld und Ahaus – Augenuntersuchung, Pädaudiologie, Kardiologie, Kinderchirurgie oder Neurologie – mussten weiterhin organisiert werden. „Unser Fahrdienst kam von Anfang an ins Spiel“, freut sich Schulze Bröring über den kostenlosen Service für Familien, der von ehrenamtlichen Fahrern getragen wird. Familie Sadat Sharifi war dort quasi „Stammgast“. Bis Ende August waren die Termine richtig eng getaktet.
Seitdem kann die Mutter endlich etwas mehr durchatmen, da die Termindichte deutlich abnahm. „Das Leben ist zwar immer noch sehr anstrengend, man wird aber nicht mehr nur von Terminen bestimmt“, sagt die Mutter, die nicht nur emotional viel mitmachen musste, sondern auch eine logistische Meisterleistung vollbringen musste.
Den Drillingen geht es nun kurz vor Weihnachten gesundheitlich gut. „Trotz der Frühgeburt haben sich die Drillinge richtig toll entwickelt“, so die Nachsorgefachkraft. Das Versorgungsgrundgerüst ist gelegt, und die neue Wohnsituation trägt ebenfalls zu mehr Entspannung bei.
Und was wäre die Mutter in dieser Phase ohne den Bunten Kreis und den Fahrdienst gewesen? Zahra, die vor fünf Jahren aus dem Iran nach Deutschland kam und vor Ort gut integriert ist, ist voll des Lobes. Mit Hilfe eines Übersetzers hat sie auf ihrem Handy einen Dankeschön-Text vorbereitet, den sie zum Abschluss des Pressegesprächs vorliest: „Ich möchte mich von Herzen beim Bunten Kreis und besonders bei Frau Kiki bedanken. Sie haben unsere Familie in dieser ganzen Zeit mit so viel Liebe, Geduld und Unterstützung begleitet. Sie waren immer an meiner Seite und haben nie zugelassen, dass ich Stress oder Angst empfinde. Danke für alles, was sie für uns getan haben. Ihre Hilfe werden wir niemals vergessen“, sagt die vierfache Mutter. „Der Bunte Kreis ist immer meine Nummer 1“, ergänzt sie lächelnd.
„Kiki“ Schulze Bröring ist gerührt. Sie steht auf und umarmt Zahra Nakhaee Rad, die in diesem Jahr so viel mitmachen musste und dies tapfer meisterte, herzlich.

Ein Herz, das anders schlägt, aber alles zusammenfügt

Manchmal legt das Leben derart viele Steine in den Weg, dass man sich fragt, wie eine Familie das stemmen soll. Und trotzdem sitzen da zwei Eltern, erschöpft, aber standhaft, und erzählen von einem kleinen Mädchen, das für sie das fehlende Puzzleteil geworden ist. Ein Kind, das mit einem Herzfehler zur Welt kam und dennoch die Kraft hat, ein ganzes Familienbild zusammenzufügen. Dafina.

Die Ausgangslage war alles andere als einfach. Schon die ältere Tochter kam mit einem Herzfehler zur Welt. Eine frühe Zeit voller Diagnosen, Papierberge, unklarer Prognosen und einer Überforderung, die man zwischen den Zeilen noch heute hört. Die Eltern mussten sich damals allein durch ein System kämpfen, das für Menschen ohne medizinisches Wissen kompliziert ist.
Es war ein Weg, den niemand freiwillig gehen möchte.

Und dann war da dieser Satz der großen Tochter: „Papa, warum bin ich alleine?“ Ein Satz, der mitten ins Herz traf. Ein Satz, der etwas auslöste. Trotz aller Ängste und Zweifel entschieden die Eltern: Dieses Kind soll nicht alleine durchs Leben gehen. Und so fiel die Entscheidung für ein zweites Kind, auch wenn die Erinnerung an die erste schwere Zeit noch frisch war.

Die zweite Schwangerschaft brachte ebenfalls Sorgen mit sich, denn es wurde erneut ein Herzfehler festgestellt. Untersuchungen, Verdachtsdiagnosen, Sorgen über mögliche geistige oder körperliche Einschränkungen, Fragen, die kein Elternteil hören möchte. Und doch traf dieses Paar immer wieder Entscheidungen für dieses Kind. Für Dafina. Selbst als die Ärzte ernste Szenarien erklärten, blieb da der klare, unnachgiebige Satz: „Wir wollen dieses Kind.“

Als Dafina im Mathias-Spital Rheine zur Welt kam, änderte sich das Bild der Familie schlagartig. Ja, der Herzfehler war da. Ja, weitere Untersuchungen standen an. Aber sie war da. Das Mädchen, das ihre Mutter schon vor der Geburt so tapfer beschützt hatte. Das Mädchen, das heute der Inbegriff für das fertige Puzzle ist. 

Genau an diesem Punkt kam der Bunte Kreis Münsterland ins Spiel. Bereits in der Klinik wurde Dafinas Familie durch Nachsorgemitarbeiterin Petra Vos dort angebunden. So entstand eine verlässliche Brücke zwischen dem Mathias-Spital und dem Alltag zu Hause.

Anders als bei der Erstgeborenen mussten die Eltern ihren Weg diesmal nicht allein gehen. Die Begleitung übernahm Struktur, nahm Druck, übersetzte Fachbegriffe, sortierte Unterlagen, war ansprechbar, wenn die Gedanken nachts im Kreis liefen und die Angst größer wurde als jede Kraft. Zwischen OP-Aufklärung, Medikamenten, Frühförderung und Pflegegrad-Anträgen entstand ein Netz, das die Familie hält. 

Der Alltag bleibt herausfordernd. Dafinas OP steht im Raum, das Risiko ist hoch, die Sorgen sind groß. Die Eltern beschreiben, dass sie sich oft fühlen, „als würden wir durch die Hölle gehen“. Und doch stehen sie jeden Tag wieder auf, stellen ihre Fragen, kämpfen um Verständnis, kämpfen um die beste Versorgung für ihr Kind.

Und inmitten all der medizinischen Fakten liegt dieser eine Satz, der die Familie wohl am besten beschreibt. Der Vater erzählt von einem Puzzle, das er häufig mit seiner großen Tochter legt. Ein Bild, das nie vollständig war, solange ein Teil fehlte. Dafina ist dieses Teil. „Ohne dieses eine Stück passt das Bild nicht“, sagt er. Ein einfaches Bild, das so viel Wahrheit trägt.

Dieses Kind, das so viel stärker sein muss, als ein Mensch am Anfang seines Lebens sein sollte, macht ihre Familie vollständig. Sie bringt nicht nur Sorgen mit, sondern Sinn. Nicht nur Angst, sondern Liebe. Und sie zeigt, wie wichtig es ist, Menschen an der Seite zu haben, die Halt geben, wenn alles andere wackelt.

Der Bunte Kreis Münsterland begleitet diese Familie auf einem Weg, der alles andere als leicht ist. Aber er ermöglicht Momente, in denen wieder Hoffnung aufleuchtet. Momente, in denen klar wird: Auch wenn ein Herzfehler den Start erschwert – manchmal ist genau dieses Herz das Teil, das ein ganzes Leben vollständig macht.

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