Gedanken zur Grabstätte
von der Künstlerin Mechthild Ammann
Gedanken zum „Kinderhaus“ auf dem Gräberfeld auf dem neuen Friedhof an der Marienburg, Coesfeld
Das Johannes-Wort „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“ habe ich mit der Gestaltung dieses Gräberfeldes zu einem Bild werden lassen.
Über unsere Sinne lassen wir die äußere Welt in uns hinein, und wir werden das, was wir sind, durch den Einfluss aller sinnlichen Bilder, die jenseits unserer Wortsprache auf uns einwirken und unser Gemüt bewegen. Unsere Sprache kennt nicht umsonst das Wort „Bildung“, die wir an Hand der unendlichen Abfolge und Verarbeitungen von Bildern erreichen. Deshalb habe ich mir Sorgfalt darauf geachtet, dass das Bild dieser Grabanlage auf uns tröstend einwirken und uns mit dem Tod versöhnen kann. Wie im Einzelnen ich vorgegangen bin, will ich gern erörtern:
Der erste Blick sagt uns: Aus dem Gräberfeld ist ein von einer Hainbuchenhecke beschützter Raum geworden, den wir durch einen Torbogen betreten können.
Durch ein Tor gehen heißt, uns wird bewusst, dass wir einen Raum verlassen und in einen anderen eintreten. Teile des Logos vom „Bunten Kreis“ sind rechts und links im Torbogen zu erkennen und stimmen uns auf die Thematik und Atmosphäre ein.
Der Blick fällt auf ein Haus. Warum ein Haus?
Das Bild „Haus“ ist für uns von archaischer Bedeutung. Ein „Haus“ bedeutet uns Geborgenheit, Wärme, Zuflucht; Heimat.
Dieses Haus hat eine Inschrift, durch die wird ihm ein Sinn, eine tiefere Bedeutung gegeben. „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“. Das verspricht uns: Hier ist Platz, hier kann der Verstorbene wohnen.
Mütter und Väter, die ein Kind mit Liebe erwartet und doch verloren haben, können sich beim Anblick dieses Hauses getröstet fühlen. Ihr Kind hat Aufnahme gefunden im Hause unseres Vaters. Hier ist es sicher, geborgen und geschützt.
Ich wollte dem Haus eine beruhigende, harmonische und sanfte Ausstrahlung geben. Harmonisch und schlicht ist deshalb zunächst die Architektur, angenehm und wohltuend die Naturfarben des Steins. Die an allen vier Ecken stehenden Pfeiler sind - wie das Dach - aus Ibbenbürener Sandstein. Das ruhige Rot dieses Steines hebt sich vom hellen Thüster Kalksandstein ab. die Eckpfeiler werden so betont, sie geben dem Haus optisch Stabilität und Sicherheit. Sicher wollen wir uns alle fühlen. Sicherheit schenkt uns Ruhe. Ruhig werden können wir beim Anblick dieses Hauses. Abweichend von meinem Entwurf ist die Dachfläche nun aus glatt geschnittenem Ibbenbürener Sandstein. Ursprünglich wollte ich für die Dachfläche die unregelmäßig geformte Außenkruste des rötlichbraunen Ibbenbürener Sandstein verwenden. Doch dann im Laufe der künstlerischen Gestaltung schien mir der glatt geschliffene Stein konsequenter und in der Gesamtoptik vertrauter. Und Vertrauen wecken will ja der Anblick dieses Hauses.
Dieses Haus hat viele Fenster.
Auch ein Fenster ist für uns ein Bild von großer Aussagekraft. Ist es klein und eng, wirkt es auf uns abweisend. Die Bewohner scheinen uns verschlossen und unnahbar. Die Fenster dieses Hauses sind groß. Sie versprechen Helligkeit, Transzendenz. Sie lassen Licht in das Innere, eine freundliche Vorstellung.
Die Fenster sind nicht aus Glas. Sie sind nicht wirklich durchsichtig. Doch die sanft schimmernden Edelstahlplatten, die in die Fensternischen eingelassen sind, wirken wie Fenster, durch die ein mattes Licht geheimnisvoll nach außen zu fallen scheint.
So ist es also nicht dunkel dort, wohin unsere Verstorbenen hinüberwechseln… Das ist ein tröstliches Bild.
Eine weitere Edelstahlplatte, die wie ein Rahmen auf der unteren Platte aufliegt, teilt das Fenster in 24 kleine Flächen auf, einem Sprossenfenster gleich, in dessen Zentrum ich das Kreuz bewusst betont habe. Ich legte Wert darauf, dass die Sprossen der Fenster deutlich zu sehen sind. Deshalb habe ich die beiden Stahlplatten in verschiedenen Richtungen geschliffen, die untere waagerecht, die darüber liegende senkrecht. Von welcher Seite ich nun auch immer das Haus betrachte, die Fenster mit ihrer Sprossenstruktur sind deutlich sichtbar.
Jedem verstorbenen Kind soll nun eine kleine Fensterscheibe zugeordnet werden, in die nach Wunsch ein Symbol oder ein Name eingeätzt werden kann. Dazu verwende ich hochglanzpolierte Edelstahlplättchen, die einem Spiegel gleichen, in dessen Glanz sich die Außenwelt widerspiegelt. Ein Spiegel ist ein faszinierendes Ding. Er selbst ist leer, nur ein Stück Glas oder wie hier ein Stückchen blank geschliffenes Metall. Er ist an sich völlig frei von jeglichen Bildern. Doch schauen wir hinein, so spiegelt sich in ihm die ganze sichtbare Welt… Das scheint mir ein wunderbares Bild für das zu sein, was wir „Seele“ nennen. Ist sie nicht auch - in Gott wohnend - frei von allen Bildern? Uns jedoch, die wir im Diesseits hängen, erschließt sie sich nur über das Bild, und sie wird sichtbar in ihrem bildlichen Wirken.
Die spiegelnden Scheiben erfüllen so zweierlei Sinn. Erstens sind sie wegen des Glanzes gut sichtbar und zweitens sind sie Bild für die heimgegangene kindliche Seele.
Die Fenster sind übrigens jetzt größer als zunächst geplant, weil die Anzahl der hier zu begrabenden Kinder größer ist als bei der Planung bekannt war. Statt der 444 kleinen, von den Eltern anzubringenden Spiegelscheiben, stehen uns jetzt 672 Fensterplätze zur Verfügung. Durch das Sprossenfenster (ich hatte die Sprossen ursprünglich in die Stahlfläche einätzen wollen) ist das Anbringen der Spiegelchen nun wesentlich vereinfacht worden.
Das Haus hat keine Tür.
Warum? Durch eine Tür geht man ein und aus. Der Tod ist in unserer bildlichen Vorstellung zwar das „Tor“ zum ewigen Leben, wir wechseln also hinüber, doch wir kommen nicht zurück. Ein Haus ohne Tür macht nachdenklich. Die Unbegreifbarkeit des Geschehens steht hier bildlich vor unserem Auge, denn der Tod und das Wohnen im Hause unseres Vaters bleibt uns ein Geheimnis.
Bei der Gestaltung der Hauswände bin ich von meinem Entwurf abgewichen. Ich habe die Wände nicht scharriert. Der Anblick der vor mir liegenden, unbearbeiteten Steine war so schön, dass ich sie nicht aufrauen und verletzen mochte. Auch fühlten sie sich so wunderbar glatt an. Deshalb meißelte ich in sie kindgemäße Zeichen und Symbole aus der kirchlichen Bilderwelt und zwar so, als seien sie sanft in eine weiche Oberfläche gedrückt. Auf diese Weise behält der Stein seine glatten Flächen. Harmonisch fügen sich die Motive in das Gesamtbild. Tiere und Pflanzen sind mit Bedacht so platziert, dass der Eindruck entsteht, sie fühlten miteinander und teilten mit uns das Leid.
Das Haus steht im Zentrum eines Kreises aus naturbunten Kieselsteinen. Das deutet auf den „Bunten Kreis“. Gleichzeitig ist er Symbol für die Unendlichkeit und unterstützt die wirkung des in seinem Mittelpunkt stehenden Hauses.
Die bunten Steine unterscheiden sich in Farbe, Form und Struktur. Sie kommen aus vielen unterschiedlichen Teilen Europas und würden so von Natur aus nicht zusammen liegen. Deshalb wirkt der Kreis beim ersten Anblick ungewohnt fremd, fast surreal. Das Haus in seiner Mitte scheint aus unserem gewohnten Umfeld entrückt.
Die Ruhebank, die Trittsteine, die die Kreisfläche einfassenden Steine, die Eckpfeiler des Hauses sowie das Dach sind aus dem gleichen Steinblock genommen. Auf diese Weise wird die gesamte Anlage zu einem harmonischen Ganzen. Wir werden eingeladen, zur Ruhe zu kommen, Trost und Vertrauen zu finden und die Symbole und Bilder auf uns wirken zu lassen.
Zum Schluss möchte ich mich bei all denen bedanken, die mir geholfen haben, meine Gedanken in ein Bild umzusetzen.
Mein Dank gilt dem „Bunten Kreis“ für sein Vertrauen, dem Sponsor für die großmütige Unterstützung, der Firma Dirks und Weltzel aus Billerbeck für die gute Zusammenarbeit. Ich danke unseren beiden Söhnen, die all ihre Körperkraft eingesetzt haben, um die schweren Steine (ein Stein wiegt immerhin 250 kg!) im Bedarfsfall für mich zu versetzen. Ich danke meinem Mann, der immer zur Stelle war, wenn eine dritte (vor allem starke) Hand gebraucht wurde und mir z.B. beim Fräsen der Fensternischen und Hecke pflanzen maßgeblich geholfen hat, der wochenlang geduldig Lärm und Steinstaub ertrug und über Monate meine Vorstellungen und Gedanken teilte.
Mechthild Ammann, Billerbeck, 1. November 2003